Dienstag, 5. August 2014

[ #Hunger ] "Rede des Jahres 2011": Jean Zieglers nicht gehaltene Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele

Jury würdigt die nicht gehaltene Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele

Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen zeichnet in diesem Jahr eine Rede aus, die nicht gehalten wurde, aber dennoch eine große öffentliche Wirkung entfaltet hat. Es handelt sich um die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele, die der Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler dort am 20. Juli 2011 gehalten hätte, wäre er nicht wieder ausgeladen worden. Die dennoch niedergeschriebene und veröffentlichte Rede ist eine unverblümte Anklage der Großbankiers und Konzern-Mogule und ein leidenschaftliches Plädoyer für den Kampf gegen die weltweite Hungersnot.


Die wörtlich wie sprichwörtlich ungehaltene Rede unterläuft wie viele große Reden die Konventionen: An die Stelle einer festlichen, höchstens an manchen Stellen ein wenig nachdenklichen oder mahnenden Wohlfühlrede, wie sie oft genug gehalten wird, setzt Ziegler einen aufrüttelnden Appell, ja, eine Provokation. Ganz ohne Umschweife beginnt er mit dem Satz: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind, der dann weitergeführt wird zur ungewohnt deutlichen These: Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Die dramatische Lage verdeutlicht der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung anhand zahlreicher Beispiele aus Ostafrika. Gerade die sachliche, aber keineswegs emotionslose Schilderung der verschiedenen Stadien des Hungertods unterstreicht die Dringlichkeit des Appells und verdeutlicht zugleich das leidenschaftliche Engagement des Redners selbst.

Jean Ziegler macht Großkonzerne und andere gewissenlose Akteure des Finanzkapitalismus für die weltweite Hungersnot verantwortlich und hätte damit auch einen Teil des Festpublikums in Salzburg gezielt angeklagt. Als einen Ausweg zeichnet er die bewegende Macht der Kunst an die Wand, die auch die dickste Betondecke des Egoismus durchdringe. Daraus resultierend fordert Jean Ziegler mit einer langen Reminiszenz an Bertolt Brechts Mutter Courage einen Aufstand des Gewissens.

Das Salzburger Festpublikum hat diese Rede nicht gehört, dafür hat sie in schriftlicher Form ein weitaus größeres Publikum gefunden. Innovativ ist zudem die im Nachhinein vorgenommene Performanz der Rede für das Internetportal YouTube, die eine große Resonanz fand und somit auch auf diesem Wege dem leider immer aktuellen, doch viel zu oft von vermeintlich wichtigeren Themen verdrängten Problem des Hungers in der Welt zu breiter Aufmerksamkeit verholfen hat.

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