Donnerstag, 21. Juni 2012

Europa auf dem Weg zur Grundrente?

Atypisch beschäftigt - Prekarierungs- und Altersarmutsrisiken in Europa

Erwerbsverläufe werden europaweit brüchiger; atypische Arbeitsverhältnisse verbreiten sich. Mit wachsenden Anforderungen an Flexibilisierung und Individualisierung der Erwerbsverläufe gehen die sozialen Sicherungssysteme der EU-Mitgliedstaaten unterschiedlich um. Die größten Sicherungslücken sind derzeit bei Soloselbständigen und geringfügig Beschäftigten auszumachen. Um einen massiven Anstieg der Altersarmut zu vermeiden, sollten Veränderungen des Pensionsversicherungssystems Platz greifen.

Studie. Handlungsoptionen zeigen sich beim Blick in andere Länder, wie es die Studie des (sozialdemokratisch orientierten) Friedrich-Ebert-Institutes tut.

In den hier betrachteten Ländern bilden die atypisch Beschäftigten mit einem Anteil von jeweils einem Drittel (beziehungsweise in den Niederlanden sogar der Hälfte) an allen Beschäftigten einen beachtlichen Teil der Gesamtbeschäftigten. Der Anteil einzelner Formen atypischer Beschäftigung ist in einigen Ländern so hoch, dass es eigentlich nicht gerechtfertigt scheint, überhaupt von  a-typischer Beschäftigung zu sprechen. So zählen die Teilzeitbeschäftigung in den Niederlanden, die Soloselbstständigkeit in Italien und die befristete Beschäftigung in Polen aufgrund ihrer hohen Anteile wohl eher zu den typischen Erwerbsformen Insgesamt ist seit Ende der 1990er Jahre europaweit eine Zunahme atypischer Beschäftigung zu verzeichnen.

Flexicurity-Strategie. Im Ländervergleich findet die auf der EU-Ebene verfolgte  Flexicurity-Strategie in Deutschland (wohl auch in Österreich) relativ wenig Anwendung. Das deutsche System der staatlichen Altersvorsorge ist aufgrund der starken Lohnzentrierung und der Orientierung am Äquivalenzprinzip nur unzureichend auf atypische Beschäftigungsverhältnisse und weitere Flexibilisierungstendenzen eingestellt. Davon sind vor allem Frauen betroffen, da sie den Großteil der atypischen Beschäftigungen stellen.

Vergleicht man die verschiedenen Formen atypischer Beschäftigung, dann bestehen die größten Sicherungslücken derzeit für die Soloselbstständigen und für die geringfügig Beschäftigten. Eine der größten Herausforderungen für die deutsche Rentenversicherung besteht entsprechend in der Ausweitung der Pflichtversicherung auf alle Erwerbstätigen.

Best Practice. Fraglich bleibt, ob ein Festhalten an der traditionellen deutschen Rentenpolitik den durch die Zunahme atypischer, häufig niedrig entlohnter Beschäftigungsformen und zunehmend diskontinuierlicher Erwerbsverläufe entstehenden Herausforderungen gerecht werden kann. Als zukunftsfähiger und überzeugender in Hinblick auf die Bewältigung dieser Herausforderungen erweisen sich Grundrentensysteme wie zum Beispiel die Systeme in Dänemark oder in den Niederlanden.

[Faires Europa.] LINK ➨ 
Atypisch beschäftigt = typisch arm im Alter? : Die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und der staatliche Schutz vor Altersarmut - ein europäischer Vergleich / Karin Schulze Buschoff - [Electronic ed.] - Berlin : Friedrich-Ebert-Stiftung, Internat. Politikanalyse, 2011 - 28 S. = 833 KB, PDF-File. (Studie / Friedrich-Ebert-Stiftung) - ISBN 978-3-86872-850-7 Electronic ed.: Berlin ; Bonn : FES, 2011

Inhalt
1.  Einleitung  3
2. Europäische Sozial- und Beschäftigungspolitik  4
3.  Wandel der Arbeitsverhältnisse in Europa  7
4. Die Dynamik atypischer Arbeitsverhältnisse  11
5. Die staatliche Alterssicherung der atypisch Beschäftigten im Ländervergleich 12
5.1 Dänemark  13
5.2 Deutschland  14
5.3 Italien 15
5.4 Niederlande  16
5.5 Polen 17
5.6 Vereinigtes Königreich 18
6. Fazit: Good Practices?  20
7. Lehren für Deutschland?  21
Literatur 27
23.9.11/[Letzte Aktualisierung 20.6.12]